Victoria

Hämophilie, eine tausendjährige Geschichte

Vom Talmud bis zu königlichen Dynastien, von Königin Victoria von England bis zu Rasputin und der kaiserlichen Familie Russlands ist Hämophilie in die Geschichtsschreibung eingegangen. Von legendären Persönlichkeiten bevölkert, zeichnet sich die Geschichte der Hämophilie auch durch entscheidende medizinische Fortschritte aus. Die genealogischen Drehungen und Wendungen bei den gekrönten Häuptern haben zweifellos dazu beigetragen, die Art der Übertragung der Krankheit zu entschlüsseln, Diagnosen zu stellen und die vielseitigen Symptome zu identifizieren.

Im Laufe der Jahrhunderte hat diese genetisch übertragene Krankheit die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu angespornt, sie zu entschlüsseln und geeignete Behandlungen zu finden – eine Entwicklung voller Faszination und Herausforderungen. Hämophilie kann bis zu 30% durch Spontanmutationen entstehen. Vor der Einführung wirksamer Behandlungen war sie lange Zeit ein Synonym für eine verkürzte Lebenserwartung, für Behinderungen im alltäglichen Leben und für das Risiko von Blutungen. Die Geschichte liest sich als medizinisches Epos und zeugt von den Fortschritten bei der Verbesserung der Lebensbedingungen der Patienten. Begleiten Sie uns auf der Reise von den ersten Zeugnissen der Krankheit bis zur Entwicklung und zum Einsatz der neusten Präparate - und darüber hinaus.

Hämophilie, eine tausendjährige Geschichte

Vom Talmud bis zu königlichen Dynastien, von Königin Victoria von England bis zu Rasputin und der kaiserlichen Familie Russlands ist Hämophilie in die Geschichtsschreibung eingegangen. Von legendären Persönlichkeiten bevölkert, zeichnet sich die Geschichte der Hämophilie auch durch entscheidende medizinische Fortschritte aus. Die genealogischen Drehungen und Wendungen bei den gekrönten Häuptern haben zweifellos dazu beigetragen, die Art der Übertragung der Krankheit zu entschlüsseln, Diagnosen zu stellen und die vielseitigen Symptome zu identifizieren.

Im Laufe der Jahrhunderte hat diese genetisch übertragene Krankheit die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu angespornt, sie zu entschlüsseln und geeignete Behandlungen zu finden – eine Entwicklung voller Faszination und Herausforderungen. Hämophilie kann bis zu 30% durch Spontanmutationen entstehen. Vor der Einführung wirksamer Behandlungen war sie lange Zeit ein Synonym für eine verkürzte Lebenserwartung, für Behinderungen im alltäglichen Leben und für das Risiko von Blutungen. Die Geschichte liest sich als medizinisches Epos und zeugt von den Fortschritten bei der Verbesserung der Lebensbedingungen der Patienten. Begleiten Sie uns auf der Reise von den ersten Zeugnissen der Krankheit bis zur Entwicklung und zum Einsatz der neusten Präparate - und darüber hinaus.
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2. Jahrhundert: Erster dokumentierter Fall

Bereits im 2. Jahrhundert finden sich in hebräischen Texten erste schriftliche Zeugnisse: Ein jüdisches Kleinkind wird von der rituellen Beschneidung befreit, nachdem zwei ältere Brüder durch Blutungen nach der Beschneidung gestorben sind.

Talmud

1803: Eine Erbkrankheit

Im Jahre 1803 berichtet der in Philadelphia tätige Arzt J.C. Otto von einer erblichen Blutungsneigung in einigen Familien, in denen nur Männer betroffen sind, die Frauen aber die Mutation an ihre Kinder weitervererben.

1822: Von der Haemorrhaphilie zur Hämophilie

1822 erhielt die Blutungsneigung schliesslich ihren Namen. Friedrich Hopff nannte sie in seiner Doktorarbeit in Zürich zuerst ‘Haemorrhaphilie’ (Liebe / Neigung zur Blutung), später kürzte er sie zu ‘Hämophilie’ (Liebe / Neigung zum Blut) ab.

1840: Transfusionen als erster Therapieansatz

Die medizinische Zeitschrift ‘The Lancet’ veröffentlicht die erste erfolgreiche Behandlung von Hämophilie: Bei einem elfjährigen Jungen klingen die tagelangen Blutungen nach einer Operation mit einer Vollbluttransfusion ab.

Ab 1853: Die royale Krankheit

Die englische Königin Viktoria gibt die Hämophilie durch ihre beiden Töchter Alice und Beatrice an andere europäische Königsfamilien (Deutschland, Spanien und Russland) weiter.
Lesen Sie mehr im Artikel "Königin Viktorias Familiengeschichte im Zeichen der Hämophile" sowie "Königliche Krankheit: Leopold".

Victoria

1892: Hämophilie und Gelenkkrankheiten

Franz König beschreibt erstmals den Zusammenhang zwischen Hämophilie und Gelenkkrankheiten. Arthropathie ist die wichtigste langfristige Komplikation der Hämophilie. 70 bis 80 Prozent der Blutungen treten in den Gelenken auf.

1937: Entdeckung des Gerinnungsfaktors VIII

In Boston entdecken zwei Forscher, dass die Gerinnungsstörung durch Zugabe eines aus dem Blutplasma gewonnen Extrakts korrigiert werden kann. Sie nennen es antihämophiles Globulin – heute bekannt als Gerinnungsfaktor VIII.

1952: Zur Hämophilie A gesellt sich die Hämophilie B

Rosemary Biggs in Oxford entdeckt ein Krankheitsbild, das sich von der klassischen Hämophilie abhebt. Dieses wird nach dem Familiennamen des betroffenen Kindes als ‘Christmas-Krankheit’ beschrieben. Heute heisst sie Hämophilie B, während die klassische Hämophilie als Hämophilie A bezeichnet wird.

Rosemary Biggs

1964: Das erste Faktor VIII-Konzentrat

Judith G. Pool in Standford entdeckt, dass Plasmakryopräzipitat grosse Mengen an Faktor VIII enthält und zur wirksamen Behandlung von Hämophilie eingesetzt werden kann. Die erste Generation der Faktorpräparate wird aus menschlichem Plasma gewonnen. Die Gerinnungsfaktoren werden aus dem zellfreien Anteil des Blutes extrahiert. Die Herstellung von Faktorpräparaten stellt einen enormen Fortschritt in der Hämophilie-Behandlung dar.

1970er: Höhere Lebensqualität dank Heimbehandlung

Die Verfügbarkeit von lyophilisierten (trockenen) Faktor VIII- und Faktor XI-Präparaten ermöglicht die Behandlung zuhause und erleichtert das Leben von Menschen mit Hämophilie erheblich.

1980er: Biotechnologische hergestellte Faktorpräparate

Der genetische Bauplan für den Faktor VIII wird Mitte der 1980er-Jahre entschlüsselt. Dies ist ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung von Faktorpräparaten. Mithilfe biotechnologischer Verfahren schleusen Forscher die genetische Information in tierische Zellen, die daraufhin menschliche Proteine produzieren. Solcherart produzierte Gerinnungsfaktoren heissen rekombinante Gerinnungsfaktoren und sind durch die Vireninaktivierung sicher in der Behandlung der Hämophilie. Gleichzeitig nimmt das Wissen über die Entwicklung von Hemmkörpern gegen Plasmaderivate und Faktorkonzentrate zu.

1984: Faktorkonzentrate mit Viren kontaminiert

Erste Berichte von Hämophilie-Patienten mit einer HIV-Infektion erscheinen. Viele nichtvirusinaktivierte Faktorkonzentrate, die von unzähligen Spendern stammen, sind mit Viren (HIV und Hepatitis) kontaminiert. Die ‘goldene Ära’ der Hämophilie-Behandlung endet abrupt.

Konzentrat

2016: Paradigma-Wechsel dank verlängerter Halbwertszeit

Die Entwicklung und Einführung von Faktorkonzentraten mit verlängerter Halbwertszeit, sogenannte Extended-Half-Life -Präparate (EHL), für Hämophilie A als auch für Hämophilie B führen zu einem Paradigma-Wechsel. Im Vergleich zu Standard-Faktorpräparaten erfordert diese neue Generation weniger häufige Injektionen und kann einen zusätzlichen Schutz gegen Blutungen bedeuten. Die Betroffenen profitieren fortan von einer besseren Therapietreue und Lebensqualität sowie von der Individualisierung ihrer Behandlung.
Um die Halbwertszeit des Faktors VIII oder IX zu verlängern, stehen derzeit zwei unterschiedliche Verfahren zur Verfügung: Fusionsproteine und chemische Modifikation (PEGylierung).

Gerinnungsfaktor VIII

2018: Antikörpertherapie bei Hemmkörpern

Erstmals wird eine nicht-Faktor-basierte Therapie auf der Basis eines Antikörpers zugelassen. Diese Behandlungsoption ist für alle Hämophilie A-Patienten (mit oder ohne Hemmkörpern) indiziert.

Die Zukunft: Weiter verlängerte Halbwertszeit und Gentherapie

2019 wird über das erste Faktor VIII-Präparat, das die vom Willebrand-Faktor auferlegte Halbwertszeit durchbricht, berichtet. Diese Revolution steht kurz bevor und würde Menschen mit Hämophilie ein Leben jenseits der Hämophilie ermöglichen können.
Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt die Gentherapie. Diese wird derzeit noch erforscht und könnte eine interessante Alternative zur Faktorersatztherapie darstellen.

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